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Die Berliner Gewerbeausstellung von 1896

Die verhinderte Weltausstellung

Die Geschichte der Weltausstellungen begann 1851 in London, wo in einem riesigen Kristallpalast die wichtigsten Nationen der Erde ihre Güter und sich selbst präsentiert hatten.

Nach den Weltausstellungen in Chicago 1893 und in Paris 1889 (in derem Zusammenhang der 300m hohe Eiffelturm gebaut worden war) träumten Industrie und Handel in Berlin von einer Weltausstellung in der Reichshauptstadt. Die vorangegangenen Ausstellungen waren jeweils die größten ihrer Art und Beispiele nationalistischer Selbstdarstellung gewesen...


Jahr Ort Land Jahr Ort Land
1851 London GB 1904 Saint Louis USA
1855 Paris F 1905 Lüttich B
1862 London GB 1906 Mailand I
1867 Paris F 1909 Amsterdam NL
1873 Wien A 1910 Brüssel B
1876 Philadelphia USA 1911 Turin I
1878 Paris F 1913 Gent B
1879 Sidney AUS 1915 San Francisco USA
1880 Melbourne AUS 1923 Göteborg S
1883 Amsterdam NL 1924 London GB
1885 Antwerpen B 1926 Philadelphia USA
1888 Barcelona E 1929 Barcelona E
1889 Paris F 1933 Chicago USA
1893 Chicago USA 1935 Brüssel B
1897 Brüssel B 1937 Paris F
1900 Paris F 1939 New York USA
Weltausstellungen bis 1950 nach "Das moderne Lexikon", Bertelsmann

Aber die Regierung unter Reichskanzler Caprivi und Kaiser Wilhelm II. stellten sich dagegen. Am 13. August 1892 wurde im "Reichsanzeiger" erklärt: "Dem Plane einer Weltausstellung in Berlin wird von Reichs wegen nicht näher getreten." Aber ohne Unterstützung der Regierung war eine Weltausstellung nicht möglich. Gründe für die Ablehnung können unter anderem in den Aversionen gegen die Hauptstadt und im Beginn von Finanz- und Wirtschaftskrise gelegen haben. Außerdem kündigte Paris im Anschluß an Chicago schon eine Weltausstellung für 1900 an. Durch ständige politische Streitereien kam nicht einmal eine nationale Ausstellung zustande. Mit Häme und deutlicher Feindseligkeit gegenüber der Hauptstadt veranstaltete Bayern ebenfalls 1896 eine Landesausstellung.

So blieb dem "Verein Berliner Kaufleute und Industrieller" und der Vereinigung "1879" nur die Ausrichtung einer Lokalexposition, der "Berliner Gewerbeausstellung" von 1896. Vorbild war eine ähnliche Veranstaltung aus dem Jahre 1879 auf 60000qm Ausstellungspark am Lehrter Bahnhof, die die Vereinigung "1879" veranstaltet hatte. Im Hauptkatalog von 1896 wurde das Ziel der Ausstellung definiert, "daß das Werk der heimischen Industrie zur Förderung und der Stadt Berlin zu Ehre und Nutzen gereiche."


Plakat der Berliner Gewerbeausstellung 1896

Ein weiterer Streit entbrannte um das Ausstellungsgebiet. Eine erste Entscheidung fiel für ein leeres Gebiet am Lietzensee in Witzleben westlich von Berlin. Ein Bahnhof Witzleben als Verlängerung der Strecke bis Charlottenburg war ohnehin geplant, und der Kurfürstendamm mit einer Dampfstraßenbahn führte ebenfalls an das Gebiet heran.

Doch dann konnten Anhänger für den Treptower Park im Südosten Berlins als Ausstellungsgelände trotz einer ungleich schlechteren Infrastruktur die Presse auf ihre Seite ziehen, unter anderem auch mit antisemitischen Regungen: Das Gelände am Lietzensee gehörte Juden. Es kam eine Spendensammlung zusammen, die nur für den Treptower Park verwendet werden durfte. Der Park im Südosten gehörte der Stadt und grenzte an die östlichen Industriegebiete und Arbeiterwohnviertel an, durch die ein Besucher fahren mußte, um die Ausstellung zu erreichen. Bei Wind aus Nordwesten wehten die Abgase der Fabriken über den Park.


Postkarte der Berliner Gewerbeausstellung 1896 - Hauptgebäude

Das endgültige Gelände umfaßte mit allen Nebenflächen 1,1 Millionen Quadratmeter und übertraf damit die Pariser Weltausstellung (0,9 Millionen Quadratmeter), nicht jedoch Chicago (2,3 Millionen Quadratmeter). Die Stadt Berlin stellte den Treptower Park als Gelände kostenfrei zur Verfügung, forderte aber, daß kein Baum des erst 1888 angelegten Parks gefällt werden durfte. Nach der Ausstellung mußte es in den ursprünglichen Zustand zurückgebracht werden. So mußte nicht nur um die Vegetation herumgebaut werden, sondern die meisten Gebäude wurden nach Ende der Ausstellung wieder abgerissen.

Rund 10 Millionen Reichsmark wurden in die Ausstellung investiert. Dazu zählten der Ausbau des Stadtbahnhofs Treptow, der Bau eines zusätzlichen Bahnhofes "Ausstellung", der Ausbau der Oberbaumbrücke, der Straßenbahn und der Straßen, Brücken und Leitungen und die Realisation eines Untergrundbahntunnels unter der Spree. Letzterer war allerdings nach einem Baubeginn in 1895 zur Austellung erst zu 160 von 454 Metern fertig. Erst 1899 sollte der Tunnel fertiggestellt sein und Straßenbahnen von der Halbinsel Stralau nach Treptow fahren lassen.


Postkarte der Berliner Gewerbeausstellung 1896 - Pavillion Rudolph Hertzog

Die Vorsitzenden des Arbeitsausschusses waren F. Kühnemann (Kommerzienrat, Vorsitzender der Vereinigung "1879"), Max Goldberger (Geh. Kommerzienrat, Vorsitzender des "Verein Berliner Kaufleute und Industrieller") und B. Felisch (Baumeister). Gestalter der Ausstellung waren unter anderem der Stadtverordnete Rosenow, Stadtbauinspektor Frobenius (Berliner Pavillion), Eisenbauingenieur Klinke und die Architekten Bruno Schmitz (Hauptindustriegebäude und Hauptrestaurant mit 22000 Plätzen, u.a. auch Architekt des Nationaldenkmals auf dem Kyffhäuser bei Leipzig und der Porta Westfalica), Hans Griesebach (Geb. f. Chemie und Photographie), Karl Hoffacker (Haupteingang, Geb. f. Gesundheit, Unterricht und Erziehungswesen und Fischerei, Sport und Nahrungsmittel) und Bruno Möhring (Turmrestaurant). Die Ausstellung stand unter dem Protektorat Prinz Friedrich Leopolds, der die Ausstellung jedoch selbst nie besucht hatte.

Die Kuppeln der Haupthalle waren aus gleißendem Aluminium, fast alle Ausstellungsgebäude waren Holz-/Stahlkonstruktionen mit dekorativen Drahtgipstafeln, denen die provisorische Natur kaum anzusehen war.


Postkarte der Berliner Gewerbeausstellung 1896

An die dreihundert kleine und mittlere Bauten umfaßte der Ausstellungspark, die jedoch nicht alle zum Ausstellungsbeginn fertiggestellt waren. 3780 Aussteller zeigten sich am Eröffnungstag. Kaiser Wilhelm II. kam an diesem Tag mit seiner Dampfjacht "Alexandria" und besuchte die wichtigsten Objekte.

Unter den Ausstellern waren die Actiengesellschaft für Anilin-Fabrikation (Agfa), AEG, Siemens&Halske, Borsig, Orenstein&Koppel, Schwarzkopff, Scherings Grüne Apotheke (Schering), die Königliche Porzellanmanufactur (KPM), Mannesmann, Zunst Kaffeerösterei, Zirkus Hagenbeck, Lloyd, Sarotti, Karl Bamberg, Carl Zeiss u.v.a.m. Auch Otto Lilienthal gehörte zu den Ausstellern. Er hielt am 10. Mai noch einen Vortrag an seinem Stand. Er verstarb am 10. August an den Folgen eines Genickbruchs, zugezogen bei seinem letzten Segelflugversuch.

Die Ausstellung war vom 1. Mai bis zum 15. Oktober täglich bis Mitternacht geöffnet. Möglich machte dies die vollständig elektrische Beleuchtung, installiert von Siemens, die jedoch teilweise tagelang ausfiel. Das Hauptrestaurant wurde mit den Baukosten von 500000 Mark von den "Hof-Traiteuren" Louis Adlon und Rudolf Dressel mitfinanziert, die die Gaststätten gemeinsam bewirtschafteten bzw. verpachteten.


Druck der Berliner Gewerbeausstellung 1896 - Hauptrestaurant mit Turm

Gezeigt wurde u.a. eine Kulissenstadt Alt-Berlin, spektakuläre Vorführungen mit originalgetreuen Kriegsschiffmodellen und eine Kolonialausstellung "zum Studium unserer deutschen Schutzgebiete". Hier wurde der Berliner erstmals im großen Umfang mit der Banane bekannt. Architekturbeispiele aus Barock, Romanik, Renaissance, Byzanz, Bayern u.v.m. wurden in und durch die Austellungsgebäude gezeigt. Ein Tabakmuseum von Loeser und Wolff, ein Museum für Völkertrachten, ein Alpenpanorama, ein Nordpolpanorama, eine Sonderausstellung "Kairo" und das längste Linsenfernrohr der Welt waren ebenfalls Teile der Ausstellung.


Archenhold-Sternwarte im Treptower Park, Foto Winter 1990/1

Rund 7,5 Millionen Besucher hatte die Ausstellung, etwa 41000 Menschen täglich. Davon waren aber nur etwa 3,5 Millionen zahlende Zuschauer, da Bedienstete der Aussteller meist freien Eintritt hatten. Es gab ein Billet-Heft zu 4 Mark, die den Eintritt aller Ausstellungen, einiger Sonderausstellungen und einige Vergünstigungen enthielten. Der Eintritt für die Hauptausstellung, die Marineausstellung, die Kulissenstadt Alt-Berlin und die Kolonialausstellung betrug je 1 Mark. Daß die erwarteten durchschnittlich 50000 Besucher pro Tag nicht zusammenkamen mag am hohen Eintrittspreis gelegen haben, an einer allgemeinen Ausstellungsmüdigkeit oder aber auch daran, daß von den 168 Ausstellungstagen 120 verregnet waren und der Sommer 1896 relativ kühl ausfiel. Die Betriebskosten waren insgesamt mit rund 6,5 Millionen Mark veranschlagt.

Durch die feuchte Witterung hatten die Gebäude stark gelitten. Das Gebäude für Chemie & Photographie und einige andere wurden noch für die Gartenbauausstellung 1897 benutzt und erst dann abgerissen. Ebenso wurde der Stadtbahnhof "Ausstellung" abgerissen. 1898 war der Treptower Park wiederhergestellt.

Die Berliner Gewerbeausstellung 1896 war die letzte ihrer Art. Neben den Entwicklungen in der Infrastruktur in Treptow und der Archenhold-Sternwarte blieb die Erkenntnis, daß Berlin ein permanentes Ausstellungsgebiet brauchte. Das entstand dann in Witzleben.


Fragen:

  1. Gab es in den ersten hundert Jahren eine Weltausstellung in Deutschland? (Und danach? (!))
  2. Wer war vor Caprivi Reichskanzler? (!)
  3. Welche Gruppen waren Initiatoren für eine mögliche Weltausstellung in Berlin?
  4. Welches waren die möglichen Gründe für das Scheitern einer Weltausstellung in Berlin?
  5. Welche Gründe sprachen gegen den Treptower Park als Ausstellungsgelände?
  6. In welchem (allgemeinen) Baustil hatte der Architekt Bruno Schmitz das Hauptgebäude (siehe erste Postkarte) gehalten und warum gab dies Anlaß zur Kritik (und bei wem)? (!)
  7. Wieviel Tage lagen zwischen Ausstellungsbeginn und -ende einschließlich erster und letzter Tag?
  8. Was ist ein Traiteur? (!)
  9. Warum wurden die Ausstellungsgebäude nach der Ausstellung wieder abgerissen?
  10. Welche Bauwerke der Ausstellung wurden (bis 1900) nicht abgerissen?
  11. Was ist das Wahrzeichen des permanenten Ausstellungsgeländes in Witzleben? (!)
  12. Weil die Busse während der Berliner Gewerbeausstellung ständig überfüllt waren, durften seit dieser Zeit Frauen auch auf das Oberdeck. Warum war es ihnen wahrscheinlich davor verwehrt? (!)
Mit (!) markierte Fragen werden nicht (direkt) im Text beantwortet. Antworten.


Postkarte der Berliner Gewerbeausstellung 1896 - Alpenpanorama

Quellen:

Jan Gympel
"Für zehn Pfennige von den Alpen nach Alt-Berlin
in "Weltspiegel Nr. 15609, 28. April 1996"
"Der Tagespiegel" 4/96 S. W1

Peter Auer
"Kühne Männer mit goldenen Bergen" -
"Schau der Superlative vor 100 Jahren in Berlin"
in "Berliner Morgenpost", 30.4./1.5.1996 S.12

Hans-Werner Klünner, Helmut Börsch-Suppan
"Berlin Archiv"
"Reichsstadt und Welthauptstadt", B05106
Archiv Verlag 1985

Erhard Crome, Petra Crome, Elke Dittrich, Dieter B. Hoffmann et al.
"Die verhinderte Weltausstellung"
"100 Jahre Berliner Gewerbeausstellung 1896 in Treptow"
Bezirksamt Treptow von Berlin (Hrsg.), 1. Auflage, Berlin 1996
Berliner Debatte Wissenschaftsverlag


Bis zur Expo2000 in Hannover wurde eine Wanderausstellung zum Thema "150 Jahre Weltausstellung" präsentiert, die in einigen Schlaglichtern die wichtigsten Weltausstellungen seit 1851 vorstellen. Die Wanderausstellung war bis zum 3. Mai 1998 im Museum für Verkehr und Technik (Teil des Deutschen Technikmuseums Berlin) und reist seitdem durch ganz Deutschland. Auf der Website der Expo2000 fand sich ebenfalls Seiten zur Gewerbeausstellung.

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Zur kurzen Geschichte der Berliner Astronomie...

-- jd --