Astronomie war in ältester Zeit nicht eine Erfindung,
Um den geordneten Plan des Alls zu ergründen. Sie diente
Lediglich zu dem vernünftigen Zweck, die Erkenntnis des Ganzen
Auf dem Berechnungsweg dem Menschenverstand zu erleichtern.
Aber die Dummheit kam in die Welt, und die stattliche Rasse
Wucherte bald überall. Da begann sich des Geistes der Menschheit
Jene Verstrickung im Wurzelgeflecht des Wahns zu bemeistern.
Jegliche Dichtungsgebilde der Vorwelt - sei's daß das Schicksal
Oder des Menschen Gemüt so wollte - galt für Reales.
Eitle Berechnung ersann Systeme phantastischer Welten.
Was den Ägyptern einst ein Mythus gewesen, ein Mittel,
Um der Mysterien Sinn bequemer und tiefer zu fassen,
Ein Symbol, um das, was dem menschlichen Blicke entrückt ist,
Durch ein poetisches Bild dem Geiste näher zu bringen, -
Das galt nur für Realität!
(Giordano Bruno, "De l'immenso", 1585)


Giordano Bruno

Protokolle eines Zeitreisenden?

Stellen Sie sich vor, Sie heißen Bruno Phillip, sind 15 Jahre alt, geraten in einen Raum-Zeit-Riß und stranden im Zeitalter der Renaissance des Jahres 1563... Kein Mäck Big Donalds weit und breit, die Erfindung der Kola ist mehr als dreihundert Jahre entfernt, und Pizza-Hütten sind auch nicht gerade üppig gesät. Sie sind in der Nähe von Neapel gelandet. Ihr Geld - der gerade eingeführte Euro mit den schönen bunten Scheinen und Münzen - ist wertlos. Zufällig haben Sie eine Sprachen-Schule besucht, in der Sie neben Latein und Französisch auch Englisch und Italienisch gelernt haben.

Das Vokabular der einfachen Menschen ist nicht besonders umfangreich, so daß es kaum auffällt, daß das Italienische nicht Ihre Muttersprache ist, zumal Sie in der Lage sind, Italienisch und Latein sich gegenseitig ergänzen zu lassen.

Die Arbeiten, die die Menschen dieser Zeit ausführen, sind Ihnen jedoch völlig ungeläufig. Um nicht zu verhungern gehen Sie in ein Kloster, das sich in ihrer Nähe befindet. Es ist das Dominikanerkloster San Domenico, und nach einer Probezeit nimmt man Sie auf und ändert Ihren Namen zu Giordano Bruno. Spätestens nun könnte Ihnen dämmern, daß Sie nach einem bereisten Leben einen etwas unangenehmen Tod erleiden könnten...

Als Bruno Phillip der heutigen Zeit sind Sie der mittelalterlichen Religion gegenüber eher skeptisch eingestellt. Sie lesen im Kloster von Campagna die Schriften der Zeit (schon aus Langeweile mangels Fernsehen, Disko, Videospielkonsole oder Multiplexe), und neben der Bibel begeistern Sie sich auch für die Naturreligionen der Vergangenheit, die griechische Religion in ihren Einzelheiten und die alten Philosophen, die in den Schriften festgehalten sind.

In dreizehn Jahren Klosterdasein wird Ihnen oftmals einiges aus der zukünftigen Vergangenheit entschlüpfen, das bei den Brüdern nicht gerade gern gehört ist, zumal man Sie oftmals auch um Rat fragt, denn der in der Schule des 20./21. Jahrhunderts geprägte Geist erscheint im Vergleich zu dem des 16. Jahrhunderts vergleichsweise um einiges offener. Dazu kommen ein paar Formfehler wie das Weggeben einiger Heiligenbilder. 1576 kulminieren Neid und Mißgunst in eine Anklage der Ketzerei, und damit beginnt eine Odyssee durch Europa.

Sie besuchen Rom, Genua, Savona, Turin, Venedig, Padua. In Genua erleben Sie ein Kirchenfest, bei dem die Mönche die Leute den mumifizierten Schwanz eines Esels küssen lassen, der angeblich der Esel gewesen sein soll, mit dem Jesus in Jerusalem eingeritten sein soll. Ein prägendes Erlebnis! - Je mehr Sie weiterziehen, auf Unverständnis treffen und verfolgt werden, desto mehr erwächst der Zynismus und die Verachtung gegenüber Ihren neuen Zeitgenossen. Zwar ist die Kugelgestalt der Erde durch Ihre neuen Landsmännern Marco Polo und Christoph Kolumbus akzeptiert, andererseits ist es vollkommen unverständlich, wie die Menschen noch an eine feststehende Erde glauben können, war doch Nikolaus Kopernikus (1473-1543) mit seiner Schrift über die Bewegungen der Welten schon mindestens ein halbes Menschenalter lang verstorben. Schon Cusanus (1401-1464), ehemaliger Kardinal und im Dienste des Papstes hatte die Erdbewegung, die Trägheitsgesetze und die Relativität der Bewegung erkannt.

Für Sie steht die Sonne in der Mitte des Sonnensystems und die Planeten kreisen darum. Das mit den Kegelschnitten ist ein Detail, das Sie den Leuten ohnehin kaum verständlich machen könnten. Doch selbst die Sonne ist nicht der Mittelpunkt des Universums, und natürlich bewegt sich auch die Sonne selbst durch das All.

Auf Ihrer Reise lernen Sie nolens volens, mit Lehren Geld zu verdienen, wobei Ihnen die dreizehn Jahre Studium im Kloster zugute kommen. Aristoteles mit seinen Elementen hatten Sie ohnehin schon als spannendes Nebenthema im Chemie-Unterricht, und die Vertiefung durch die mittelalterlichen Originalschriften sind eine interessante Bereicherung. Sie stoßen zudem auf die zeitgenössische, sogenannte lullische Technik, die mittels Begriffsassoziationen und ansonsten einer Menge Hokuspokus ein besseres Lernen ermöglicht.

Sie bereisen Brescia, Bergamo, Mailand und Turin, wandern über die französischen Alpen nach Chambéry und nordwärts nach Genf. Als die dortigen Italiener Sie zu Ihrer Glaubensüberzeugung befragen und sich wundern, warum sie so fern von der Heimat abgerückt sind, um dann nicht einmal dem protestantischen Glauben beizutreten, ziehen Sie es vor, über Lyon nach Toulouse zu reisen. An der dortigen Universität mit zehntausend Studenten fällt es Ihnen leicht, einen Doktortitel zu erlangen und Vorlesungen zu halten. Das ist kaum schlimmer als ein Schulreferat nach dem anderen Woche für Woche. Dabei lernen Sie en passant, das zeitgenössische Bildungswesen und ihre Kollegen Professoren Doktor h.c. Doktor mult. zu verachten, die nie etwas von Kant, Einstein oder Gauß gehört haben. Ein ausbrechender Bürgerkrieg bringt Sie 1580 nach Paris, wo Sie ebenfalls mit Vorlesungen Geld verdienen wollen.

Sie unterrichten dort unter anderem auch König Heinrich III. in der lullischen Kunst, sind beliebt im Paris der Renaissance, schreiben Stücke, um den Menschen zumindest etwas vom Freigeist des 20./21. Jahrhunderts zu vermitteln, was aber nur wegen des zeitgenössischen Witzes ankommt. 1583 ziehen Sie mit der Empfehlung des französischen Königs nach London und wollen sich auch an der berühmten Universität von Oxford ausprobieren. Doch die dortigen Professoren sind von einigen lockeren Aussprüchen nicht begeistert und es gilt bald, nach London zurückzukehren.

1584 lernen Sie dort die fünfzigjährige Königin Elisabeth I. kennen, die seit 1558 England regiert und die auch noch drei Jahre nach Ihrem Tod England regieren wird. Was Anderes als Bewunderung können Sie für diese Klasse-Frau empfinden? Mit Ihren Schriften - "La cena de la ceneri" (Das Aschermittwochsmahl), "De la causa, principio ed uno" (Von der Ursache, dem Anfangsgrund und dem Einen) und "De l'infinito, universo e mondi" (Vom Unendlichen, All und den Welten) - versuchen Sie Ihre intelligenteren Zeitgenossen von ihrer Weltsicht zu überzeugen. Sie beschreiben das unendliche, unbegrenzte Weltall, wofür allein schon jeder Anhänger des Ptolemäus Sie für verrückt erklärt.

In diesem Universum bewegen sich alle Gestirne, und diese werden von wahrscheinlich unzähligen belebten Planeten umkreist. Natürlich kennen Sie die letzten Programme der NASA, mit denen auch erdähnliche Planeten um Sterne gesucht werden und wissen von den Monden des Jupiter, die Salzwasserozeane mit Leben unter einer Eiskruste enthalten könnten. Sie kennen die Bilder von Uranus und Neptun. Aber versuchen Sie mal, rund vierundzwanzig Jahre vor der Erfindung des Teleskops soetwas wie Planetoidengürtel, Kuipergürtel und Oortsche Wolke zu erklären. So bleibt Ihnen nur die schwächliche Behauptung:

"Es widerspricht nicht der Vernunft, daß um unsere Sonne noch andere Planeten kreisen, die für uns nicht sichtbar sind."

Sie kennen den Blick auf die Erde von außen und haben vielleicht selbst in einem iMax-Kino die Eindrücke der Astronauten von der beseelten Welt nachvollziehen können. Warum also sollten Sie nicht schreiben: "Die Welt ist ein beseelter Körper, mit einer unendlichen Bewegung ausgestattet. Die Bewegung ist nur in bezug auf den Ort, nach dem diese Körper streben." Sie versuchen sogar, den Leuten die Gravitation verständlich zu machen:

"Durch ihr eigenes Gewicht geschleudert schweben die Welten frei im Weltenraum, indem sie sich gegenseitig anziehen."

Daß Sie Gravitation und Bewegung nicht mittels Formeln und Beweisen den Leuten klar machen können ist verständlich: Sie mußten in den vergangenen dreizehn Jahren nicht nur in ein anderes Sprachensystem hineinwachsen, sondern eine komplett andere soziologische und philosophische Ausrichtung verinnerlichen. Selbst wenn Sie einmal die Formeln für Gravitation, die Einzelheiten zu Trägheit, Raumkrümmung und Termodynamik gesehen haben sollten, Sie mußten sie unweigerlich vergessen.

Vielleicht haben Sie vor Ihrem Unfall mit dem Raum-Zeit-Riß ein wenig über Kosmologie im Fernsehen gesehen. Sie wissen, daß es keinen eigentlichen Mittelpunkt im expandierenden Universum gibt, überall innerhalb des Universums die gleichen Naturgesetze gelten und alle Sterne aus der gleichen Materie wie das Sonnensystem bestehen:

"Es gibt so viele Mittelpunkte in der Welt, wie es Welten, wie es Gestirne gibt, nämlich an der Zahl unendliche. Diese Riesenorganismen bestehen aus denselben Elementen. Es wirken folglich in denselben auch dieselben uns bekannten Kräfte."

Auch hier fehlen Ihnen die Einzelheiten, doch das Gesamtbild ist klar. Haben Sie den "Bernsteinmenschen" gelesen? Ich habe Ihnen das Buch von Gregory Benford und Gordon Eklund schon zur Opposition von Saturn im November letzten Jahres nahegelegt. Falls Sie es gelesen haben, könnten Sie annehmen, "daß die Fixsterne, diese prächtigen, flammenden Körper, ebenso viele bewohnte Welten, gewaltige Organismen, herrliche Gottheiten, ganz ähnlich der Welt, die uns umschließt, sind". Natürlich ist es Science Fiction, aber es ist auch eine nette Idee.

Sie kennen sicher auch die Sonnenflecken, sie selbst zu beobachten unterlassen Sie allerdings tunlichst, denn Sie wissen von der blendenden Natur des Sonnenlichts. Sie schreiben: "Ich erinnere mich, den Cusaner gesehen zu haben, der will, daß auch die Sonne ungleiche Stellen habe, wie der Mond und die Erde, denn er sagt, daß, wenn wir aufmerksam das Auge auf die Sonne heften, so sähen wir eine ganz beträchtliche Schattenpartie inmitten ihres Glanzes." Es könnte gut sein, daß der Schatten, den der "Cusaner" gesehen hatte, garnicht auf der Sonne, sondern in dessem Auge durch das Heften auf dieselbe entstanden ist. Aber ohne eine genauere Beschreibung über Art und Verhalten der Flecken können Sie berichten, daß sich die Sonne um ihre eigene Achse dreht.

Sie wissen auch, daß die Welten auf diskreten Orbits um die Sonne kreisen, kennen Sonnenfackeln und wissen, daß diese die oberen Schichten der Erde erwärmen und das Klima indirekt beeinflussen können:

Also sind verteilt die Welten, daß sie sich nimmer
Selbst zerstören, vielmehr der Liebe Frieden genießen,
Wenn sie, Mann und Weib, sich ringend innigst umfangen,
Strahlenschwingend und kämpfend in glühender Lustumschlingung.
Da träuft goldener Regen herab, den zuvor in die Höhe
Zog der flammende Sonnengott, und in heiligem Schoße
Nimmt die Erde ihn auf, die große fruchtbare Mutter.

Zugegeben, das mit der Lustumschlingung ist ein bißchen auf Hormonprobleme zurückzuführen...

1585 reisen Sie zurück nach Paris und studieren einige weitere aktuelle philosophische und mathematische Werke. Nach einer etwas unglücklich verlaufenen Disputation an der Universität Sorbonne über 120 Thesen reisen Sie über Mainz, Wiesbaden und Marburg in die Lutherstadt Wittenberg, der Wiege des Protestantismus. Sie halten hier Vorlesungen über Mathematik, Physik, Metaphysik und die Gedächtniskunst. Aber der offene Geist in Wittenberg hält nicht lange an. Nach dem Tod des Kurfürsten August müssen Sie die Gegend wieder verlassen.

1588 ereichen Sie Prag, leider 11 Jahre vor Tycho Brahe und 12 Jahre vor Johannes Kepler. Kaiser Rudolph II. ist Ihnen ob Ihres Wissens über Mathematik und Philosophie sehr geneigt, und mit einem Geschenk von 300 Talern reisen Sie nach Helmstedt an die damals berühmte Universität. Vor allem aber war Herzog Julius von Braunschweig nicht so verbohrt, was die Konfession seiner Untertanen anging. Doch schon im Mai 1589 sollte auch der Herzog von Braunschweig sterben.

1590 kommen Sie nach Frankfurt am Main (ohne einen einzigen Wolkenkratzer, ohne Bahnhof und Flughafen und ohne Frankfurt Galaxy!). Der Bürgermeister von Frankfurt verwehrt Ihnen allerdings das Recht auf Aufenthalt und Sie müssen sich eine Bleibe vor der Stadt suchen. (Da findet man ohnehin den besseren Appelwoi.) Sie pendeln zwischen Zürich und Frankfurt und verdienen etwas Geld mit Vortragsveranstaltungen und Schriftkorrekturen.

In Frankfurt erhalten Sie ein Angebot eines venezianischen Adeligen auf eine einkömmliche Stelle, und September 1591 kommen Sie in Venedig an. Nach weniger als einem Jahr werden Sie festgenommen und kommen nach einer Anklage des Adligen vor die lokale Inquisition. Sie können sich zwar noch einmal mit einigen Heucheleien retten, werden aber wegen der schon lange zurückliegenden Anklage der Ketzerei und trotz oder gerade wegen Ihres Bekanntheitsgrades nach Rom überstellt. Von Januar 1593 bis Januar 1600 sind Sie in den Händen der Inquisition. - Am 9. Februar 1600 müssen Sie vor dem römischen Inqusitionsgericht unter Papst Clemens VIII. kniend das Urteil hören: "Man möchte ihn so milde als möglich und ohne Blutvergießen bestrafen." Am 17. Februar 1600 werden Sie in Rom an einem schönen, sonnigen Tag - ohne Blutvergießen - als Ketzer verbrannt.

Sollten Sie also Bruno Phillip, Bruno Filippo oder sogar Filippo Bruno heißen und 15 sein oder auch nur wie 15 aussehen... seien Sie hiermit gewarnt!

Quelle (auch aller Zitate):
Dr. Max Bergfeld: "Giordano Bruno", Deutsche Bibliothek Verlags GmbH 1929

(Für mehr zu Giordano Bruno im Netz liefert die Astronomiae Historia eine Menge Links zum weiterstöbern.)

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erstellt: 1998-12-18 Giordano Bruno Text
geändert: 1999-10-14 Portrait
geändert: 2020-01-03 Willkommen im neuen Jahrtausend

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