Die Kinowelt, gesehen von jd




SCHUMACHER - Phone Booth

   
titel Phone Booth
andere(r) titel Nicht auflegen!
regie Joel Schumacher
land USA
jahr 2002
laenge 81min
  Farbe
genre Thriller
darsteller Colin Farrell, Forest Whitaker, Kiefer Sutherland, Radha Mitchell, Katie Holmes

 
gesehen als  Phone Booth (OV)
zitat Don't even think about leaving that phone...
gesehen auf Grossleinwand (Cine*PP)
gesehen am 2003-08-12*
filmleitseite www.phoneboothmovie.com
 
eindruck ++
 
kommentar  Mit "Phone Booth" von Joel Schumacher kam nach "Russian Ark" und "Naqoyqatsi" 2003 ein weiter Film mit dem Anspruch ins Kino, ein grundlegendes Konzept des unterhaltenden Films realisieren zu wollen. War es bei "Russian Ark" das Realisieren eines Filmes ohne Schnitt und bei "Naqoyqatsi" die Realisation einer voll digitalen, spielfilmlangen, musiksynchronisierten Bilderflut (als Schlusspunkt einer Trilogie mit zwei analogen Vorgaengern), so war das offensichtliche und im Vorfeld sehr klar herausgestellte Konzept von "Phone Booth", einen Thriller zu drehen, der fast ausschliesslich an einem Ort stattfindet. Und so wird eine der letzten Telefonzellen New Yorks in diesem Film zu einer Buehne, in der ein moralistisches Spiel um Leben und Tod gespielt wird, das einen wenn auch seltsamen, in gewisser Hinsicht aber realistischen Ausgang findet.

Manchmal fragt man sich, ob der Filmemacher tatsaechlich weiss, was er da am Ende gedreht hat. Schumachers "Phone Booth" ist so ein Fall. Als normalen maennlichem Wesen faellt zum Beispiel ersteinmal nicht auf, dass der Film im Grunde ein dringender Appell fuer die gerade im Moment erstarkende Moralbewegung in den U.S.A. ist. Der Film schreit geradezu: Frauen der U.S.A., kein Sex vor der Ehe, ansonsten ergeht es euch so wie der Geliebten von Stu, und ihr werdet unerwartet und ohne Gnade oeffentlich blossgestellt. Waehrend sich der Ehebrecher zwar unter Traenen und mit angeknabbertem Ohr reinwaschen darf und Vergebung erhaelt, seid ihr als die moegliche Geliebte eines ansonsten hippen Typen, der seinen Ehering abnimmt, wenn er mit euch aus einer Telefonzelle telefoniert, diejenige, die mitten auf der Strasse und live im Fernsehen seiner Frau vorgestellt werdet. Glaubt keinen Versprechungen oder gar der Tatsache, dass der Typ keinen Ring hat: Erst euren eigenen Ring an seinem Finger, dann Sex... Wie schlimm das Gefuehl sein muss, als Geliebte mit Hoffnungen auf der Strasse zu erfahren, dass der Typ tatsaechlich gluecklich verheiratet ist, das kann dann nur eine Frau mit Erfahrung nachvollziehen... ;-)

"Phone Booth" hat aber noch einen weiteren, viel schwerwiegenderen Blick auf die Moralvorstellung der U.S.A. zu bieten. Sieht man die Figuren naemlich metaphorisch, angefangen mit dem vietnam-geschaedigten Sniper als den U.S.A., die aus dem Hinterhalt heraus beinahe beliebig durch technische Ueberlegenheit und lange vorausgegangene Beobachtung ihre Ziele mit ihrer absurden Rechts- und Gerechtigkeitsauffassung aus der Ferne und Sicherheit heraus bedraengen, eine lange Liste von bereits exekutierten Opfern haben und nun abermals zu Gericht sitzen ueber einen Delinquenten in einer Telefonzelle, so wird man einige wunderbar ironische Analogien zur Weltpolitik in der Handlung wiederfinden, die wohl nur Absicht sein koennen, wie zum Beispiel die Polizei als die hilflose UNO, die sich vom Sniper in mehrfacher Weise, nicht zuletzt durch den Delinquenten selbst verhoehnt sieht.

"Phone Booth" mit Colin Farrell als ein ueberzeugender, am Anfang selbstbewusster, am Ende weinerlicher Yuppi gibt somit genug Stoff zum Nachdenken. Wer aber weder das Konzept des Filmes schaetzt und nur Action will, noch am Ende auch nur ein wenig ueber das Gesehene nachdenken moechte, fuer den ist dieser Film sicher uninteressant. So ganz fuers hirnlose Popkornkino ala "Terminator" hat es dann doch bei "Phone Booth" nicht gereicht.


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 -- jd --