Die Kinowelt, gesehen von jd




SIJIE - Balzac...

   
titel Balzac und die kleine chinesische Schneiderin
andere(r) titel Balzac et la petite tailleuse chinoise
regie Dai Sijie
land Frankr.
jahr 2002
laenge 116min
  Farbe
genre Drama Romanze Literaturverfilmung
musik Mozart, Beethoven, Tschaikowski
darsteller Zhou Xun, Chen Kun

 
gesehen als  Balzac und die kleine chinesische Schneiderin
gesehen auf Leinwand (CinemaParis)
gesehen am 2004-01-12
inhalt Zwei chinesische Jugendliche werden zur "Umerziehung" in ein Bergdorf geschickt, und ihre einzige Chance, zu ueberleben und das Herz der kleinen chinesischen Schneiderin zu gewinnen liegt in einem Koffer verbotener Buecher, den sie gewinnen muessen.
 
eindruck o
 
kommentar  Ja, ja, die alte Regel missachtet: Wenn man das Buch hat und der Film rauskommt, dann immer erst den Film sehen und dann das Buch lesen, ansonsten ist man vom Film in der Regel enttaeuscht.

"Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" erzaehlt eine Geschichte aus der Zeit nach 1966 nach Maos Machtuebernahme in China, wo angebliche Intellektuelle, Burgeoise und Reaktionaere aus den Staedten von den Roten Garden aufs Land zur Umerziehung geschickt wurden und nur 3 von 1000 je wieder den Weg zurueck finden sollten. Luo, der mit seinem violinespielenden Freund in ein Dorf in den Phoenix-Bergen im Westen Chinas verbannt wurde, hat es dabei besonders hart getroffen: Sein Vater wurde als Zahnarzt, der Tschiang Kai Scheck behandelt hat, als Intellektueller, Burgeoise *und* Reaktionaer eingestuft. Luos Freund ist Arztsohn, hat aber selbst keine medizinischen Ambitionen, waehrend Luo selbst von sich sagt, zwei linke Haende zu besitzen. Beide haben nie auch nur ein Gymnasium richtig besuchen koennen und werden doch als Intellektuelle "auf Landurlaub verschickt". Und so beginnt fuer die beiden ein Abenteuer, bei dem sie mit der Hilfe eines Koffers voll von verbotenen Buechern einige Probleme meistern koennen, wobei sie diesen Koffer zuerst noch von einem ebenfalls verbannten Schriftstellersohn "Brillenschang" (im Film: "Vierauge") in einem Nachbardorf stehlen muessen. Bei dem Coup hilft ihnen die Tochter des alten Schneiders, und ihr lesen sie aus den Buechern vor, um ihr Herz zu gewinnen.

Als ich das Filmplakat und das Bild auf dem Buchdeckel der zum Film erschienenden Ausgabe von "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" verglich, da hatte ich die Hoffnung, dass der Film auf keinen Fall enttaeuschen koennte, denn er schien sich besser als die urspruenglichen Buchgestalter an die Vorlage zu halten: So wie in dem Roman von Dai Sijie beschrieben hatte das junge Maedchen auf dem Filmplakat einen einzigen Zopf, das junge Maedchen auf dem Buchdeckel dagegen zwei. Aber ueberraschenderweise beginnt die Ernuechterung schon ziemlich zu Anfang des Films: Was im Buch lustig ist und ein erheiternder Einstieg in die an sich finstere Situation, naemlich die Episode um die Sonate "Mozart, der immer mit seinen Gedanken beim Grossen Vorsitzenden Mao ist", das wird im Film so ziemlich humorlos verspielt. Es folgt Plotaenderung auf Plotaenderung, einige verstaendlich (die Szenerie mit "Brillenschang", dessen Brille zerbrochen ist und der trotzdem im Schnee einen 60-Kilo-Reissack den Berg hinunterbringen will ist nur schwer zu drehen, wenn die Landschaft, in der man den Film macht, vielleicht keinen Schnee mehr sehen wird), einige unverstaendlich (die Tatsache, dass die Schneiderin im Film als (Fast-)Analphabetin dargestellt wird, im Buch aber einen Brief schreiben kann).

Durch die Plotaenderungen wird der Film in vielen Aspekten fast unsinnig, denn bei der Aktion des Kofferstehlens, als der "Brillenschang" von seiner Mutter nach dem offenen Koffer gefragt wird, erklaert dieser, dass dies sicher die beiden Arztsoehne gewesen seien, obwohl keine Buecher fehlten und er im Film bis auf die Szenerie mit dem Ochsen im Reisfeld sonst kaum mit ihnen Kontakt hatte.

Im letzten Abschnitt weicht der Film dann komplett vom Buch ab und zeigt soetwas wie "auf der Suche nach der kleinen chinesischen Schneiderin", wo zwanzig Jahre danach kurz vor dem Bau des grossen Staudamms der mittlerweile zum internationalen Konzertviolinisten entwickelte Arztsohn sich nochmal in die Gegend der Phoenix-Berge begibt. Erst nach dieser Episode wird wieder zur eigentlichen Geschichte zurueckgekehrt, wo die Schneiderin die Berge verlaesst und mit durch Balzac gewonnenem Selbstbewusstsein in die Stadt geht, um ihr Glueck zu suchen.

Auch wenn man merkt, dass hier mehr erzaehlt werden soll, als das Buch es bietet, hat man am Ende das Gefuehl, dass im Grunde nur die Haelfte von der eigentlichen Geschichte erzaehlt wurde und ansonsten beinahe zusammenhanglose Episoden ohne Bedeutung fuer die Geschichte aneinandergereiht wurden, so dass der Film am Ende viel zu lang erscheint. Die sehr schoenen Naturbilder und die ansonsten gut gezeichneten und gut dargestellten Charaktere entschaedigen da nur bedingt.


340 eintraege insgesamt (+++ ++ + o - --)kommentar?




 -- jd --